Der Respekt, den man jemandem entgegenbringt, spiegelt sich vor allem in den kleinen, nonverbalen Gesten wider, die wir gemeinhin als Höflichkeit wahrnehmen. Doch was ist heutzutage überhaupt noch zeitgemäß und welche Rituale wirken eher antiquiert? Wie wichtig sind Pünktlichkeit, Kleidung und die richtige Anrede? Darf man das von der Gastgeberin aufwändig zubereitete Essen nachwürzen und hält heutzutage auch die Dame dem Herren die Tür auf? Hilft er ihr auch heute noch unbedingt aus dem Mantel, wer betritt als erstes den Fahrstuhl und wie geht man korrekt durch eine besetzte Stuhlreihe im Theater?
Grüße im Hausflur
Manfred wohnt schon seit Jahren in seinem Mietshaus und fühlt sich rundum wohl. Nur Frau Peters, die neue Mieterin, trübt die Harmonie der Hausgemeinschaft: So höflich und zuvorkommend der alteingesessene Hausbewohner diese auch grüßt, sie hält es einfach nicht für nötig, die Grüße zu erwidern. Manfred möchte seinem Ärger Luft machen. Doch sollte man eine solche Situation wirklich offen ansprechen oder Grußmuffel einfach nur ignorieren?
Antwort: Ansprechen kann eine gute Lösung sein, doch nicht, um seinem Ärger Luft zu machen. Eine freundliche Frage, ob es vielleicht ein Missverständnis gegeben habe ist sicher hilfreicher, um die Situation nicht eskalieren zu lassen. Wer einen nicht grüßenden Menschen ignoriert nimmt sich das Recht, sich darüber zu ärgern: Schließlich ist das eigene Verhalten dann auch nicht besser.
Unangemeldeter Besuch
Clara ist beruflich immer auf Achse. Und in ihrer Mittagspause entscheidet sie sich heute spontan, ihrem Freund Klaus zu Hause einen Besuch abzustatten. Völlig entgeistert öffnet der die Tür. Und schon wird Clara unsicher. Gehört es sich, einen Besuch vorher anzumelden?
Antwort: Wie man an diesem Beispiel sieht, ist das eine gute Idee. Schließlich leben die Menschen heute in sehr unterschiedlichen Rhythmen. Manche haben nicht am Sonntag frei, sondern am Mittwoch und möchten dann ausschlafen. Im Zeitalter von Handys sollte es kein Problem zu sein, kurz vorher anzufragen, ob man ungelegen kommt.
Soße auftunken
Ruth und Werner lieben es, sich in ihrem Lieblingsrestaurant so richtig verwöhnen zu lassen. Zwar ist sie selbst keine schlechte Köchin, aber eine so aromatische Soße hat Ruth zu Hause noch nie hinbekommen! Diesen Hochgenuss will die Rentnerin voll und ganz auskosten. Also tunkt sie die verbleibenden Soßenreste mit einem Stück Brot auf. Werner ist empört – dieses Benehmen gehört sich bei einem Restaurantbesuch ganz und gar nicht! Aber liegt er damit wirklich richtig?
Antwort: Eine Empörung ist vielleicht ein wenig stark. Dennoch gehört Sauce auftunken nicht zu den guten Tischmanieren in Deutschland. Nicht umsonst findet man in der gehobenen Gastronomie dafür einen Gourmetlöffel.
Angebotene Getränke annehmen?
Markus ist aufgeregt: Nach zahlreichen erfolglosen Bewerbungen ist er endlich zu einem vielversprechenden Vorstellungsgespräch eingeladen! Und bei seinem zukünftigen Chef will Markus nicht nur mit fachlicher Kompetenz punkten, sondern auch mit guten Umgangsformen! Und so lehnt er das Glas Wasser, das ihm der Chef anbietet, dankend ab. In seiner Aufregung würde sich Schneider nur verschlucken. Außerdem zeugt es von Bescheidenheit, angebotene Getränke abzulehnen. Oder? Antwort: Ein Gespräch mit einem "Nein" zu beginnen ist psychologisch unklug. Besser wäre es hier, dankend anzunehmen und dann nur ein wenig am Wasser zu nippen. Der Gastgeber möchte nett sein und bietet etwas an – wird das Angebot ausgeschlagen, so hinterlässt das ein ungutes Gefühl. Das wäre schade und für den Bewerber nicht hilfreich.
Autor: Nandine Meyden (Die Autorin ist selbständige Benimm- und Kommunikationstrainerin in Berlin.)
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